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Förderverein der Festspiele Oppenheim e.V.

Kriminalprozess der Oppenheimer Rose

 

Von Wolfgang Altendorf

Bearbeitet als szenische Lesung von Martin Baltrusch

 

Prolog : Die Rose der Oppenheimer Kirche

Gegen Ende des 13.Jahrhunderts beschlossen die Bürger des freien Reichsstädtleins Oppenheim, eine Kirche zu bauen, die weit und breit als die schönste gelten sollte, und gewannen als Bildhauer einen berühmten Meister aus dem nahen Mainz. Mit kundiger Hand entwarf dieser nicht nur die schlanken Ritter und Frauengestalten, die als verehrungswürdige Heilige das spitzbogige Kirchenportal zieren sollten, sondern auch die Umrisse hochstrebender Säulenbündel und verwandte besondere Mühe auf das edle Maßwerk der Fensterrose, die gleich einem vielspeichigen Sonnenrad dazu bestimmt war, das Kirchenportal zu krönen. Die Ausführung dieses Glanzstückes übertrug der Meister seinem tüchtigsten Gesellen, und dieser ging freudigen Herzens ans Werk.

Von früh bis spät stand er auf dem schwankenden Gerüst, maß und zirkelte, prüfte und verglich, führte, ohne zu ermüden, den Schlägel und das Stemmeisen und schien nicht zu merken, daß er etwas Eigenes schuf und sich immer mehr von dem Entwurf des Meisters entfernte.

Ja, er war so von seiner Aufgabe besessen, daß er oft Speise und Trank vergaß und kehrte erst in die Wirklichkeit zurück, als ihn der Meister mit grober Hand vom Bildwerk riß und es mit zornfunkelnden Augen rnusterte.

„Wer hat dies Pfuschwerk geschaffen?“

„Ich, wie Ihr befohlen“, erwiderte der jäh errötende Geselle.

„Nach wessen Entwurf?“

„Nach dem Euren, Meister. - Wenn ich ein paar Kleinigkeiten zusetze, so verzeiht es mir.“

„Du Heuchler, das ganze Bildwerk hat deine Bubenhand verdorben!“ entlud sich da des Meisters Grimm, und seine Faust traf den Jüngling so schwer, daß er kopfüber vom Gerüst stürzte.

Man hob ihn als Toten auf und sprach von einem Unglücksfall. Als aber die Ratsherren vor der Arbeit des Verblichenen standen, starrten sie den Meister betroffen an und sprachen: „Der Geselle hat seinen Lehrherrn übertroffen.“ Von dieser Stunde an begann die Kunst des Bildhauers zu erlahmen, und er starb nach wenigen Jahren in geistiger Umnachtung. Die Oppenheimer Katharinenkirche wurde in den Kriegswirren der Jahrhunderte zu einer rauchgeschwärzten Ruine, jedoch die Fensterrose hat dem Zahn der Zeit getrotzt und ist unversehrt geblieben. Um ihren Mittelpunkt - den kaiserlichen Reichsadler, im goldenen Feld das Wappen der Stadt- reihen sich die Wappen von zwanzig Adelsgeschlechtern. Die Farben sind dunkel gewählt und glühen heute, nach sechshundert Jahren, noch in einer wunderbaren Frische.

(Klaus Schmauch, Am grünen Strom. Die Unsichtbaren. Pfälzische Volkssagen.Hrg. von der Arbeitsgemeinschaft pfälzischer Lehrer. Neustadt/Weinstraße o. J.)
Buehnenbild Rose